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Architektonische Nachhut
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Buch

Der Bildband »Architektonische Nachhut« wird im Kerber Verlag Bielefeld verlegt und erschien zum Februar 2007 als eigenständiger Bildband im internationalen Buchhandel, wie auch als begleitender Katalog der Ausstellungen.
Als fadengebundener Titel mit Hardcover im Hochformat 24,5 x 30,5 cm beträgt der Umfang 168 Seiten mit 107 Farbabbildungen. Zweisprachig — in deutsch und englisch — wird das Buch international vertrieben (ISBN 978-3-86678-052-1, 38 Euro).

Die Konzeption und Gesamtgestaltung des Buches erfolgte in Zusammenarbeit mit dem Grafikbüro »Fliegende Teilchen« / Berlin.

Ein kurzer Essay des Schriftstellers und Journalisten Günter Kunert eröffnet den Textteil des Buches.
Den folgenden Exkurs bildet eine architekturgeschichtliche Betrachtung zur besonderen Bedeutung des Bauens im Nationalsozialismus und seine speziellen Ausprägungen, verfasst vom Architekturhistoriker Professor Werner Durth.
Abschließend informiert ein Glossar über die Orte der Fotografie und ihre Bauten.

Das vom Steidl Verlag publizierte, umfassende Werk »Deutschland im Fotobuch« (Herausgeber Manfred Heiting/Thomas Wiegand) stellt die herausragendsten Fotobücher vor, die in den vergangenen 100 Jahren zum Thema ›Deutschland‹ erschienen sind. Der Bildband »Architektonische Nachhut« wurde in diese Sammlung aufgenommen.

 

Buchrezension

Auch wenn die Deutschen als Weltmeister der Vergangenheit gelten und vor allem die NS-Zeit immer wieder Grund für Debatten und Gedanken liefert, im Alltag, fern der Erinnerungsrituale, werden die noch sichtbaren Spuren dieser Vergangenheit häufig ignoriert. Das mag man kritisieren oder auch begrüßen, in jedem Fall ist es spannend, mal wieder genauer hinzuschauen.

Die dokumentarische Fotografie kann hier ein ideales Medium sein, zumindest wenn sie so intelligent, subjektiv und behutsam eingesetzt wird wie im Falle von Ralf Meyer.

Schon während seines Studiums bei Dirk Reinartz an der Muthesiushochschule in Kiel widmete sich Ralf Meyer den architektonischen Hinterlassenschaften des Dritten Reiches. Sein Diplom hierzu wurde mit dem dem Reinhart-Wolf-Preis und dem Otto-Steinert-Preis ausgezeichnet — für den Fotografen Ansporn und finanzielle Unterstützung, um das Projekt fortzusetzen. Ziel war, einen repräsentativen Querschnitt zu erfassen. So zeigt Meyer in seinem Buch Gebäude aus der gesamten Bundesrepublik, darunter spektakuläre Repräsentationsbauten wie das »Reichsparteitagsgelände« in Nürnberg, das Haus der Kunst in München oder das Berliner Olympiastadion, aber auch ehemalige Siedlungen, Verwaltungs- und Fabrikgebäude. Sie alle werden heute in unterschiedlichster Weise genutzt — als Warenlager der Firma Quelle, als Supermarkt, Kindergarten oder als Bundesministerium der Finanzen (im ehemaligen »Reichsluftfahrtministerium«).

Die Bilder von Meyer sind stets klar in der Gegenwart verortet. Das ist nicht nur in der Farbigkeit der Aufnahmen begründet, sondern vielmehr in seiner Sicht. Der »versteinerten Ordnung« (Werner Durth) begegnet er nicht mit einem strengen Konzept, sondern mischt Detail- und Übersichtsaufnahmen, Portraits, Symbolbilder, Architektur- und Landschaftsfotografien. Man spürt, dass genau recherchiert und sich auf jeden Ort neu eingelassen hat. Dabei tappt er weder in die Falle, den heroischen Blicken einer Leni Riefenstahl zu folgen noch gleiten seine Bilder in Klamauk ab. Ralf Meyer fotografierte stets aus Augenhöhe, vermied dramatisierende Perspektiven und mystische Unschärfen. Doch zugleich erstickt seine Nüchternheit keinesfalls in Langeweile. Vielmehr gewinnen die meisten Einzelbilder und Serien bei näherer Betrachtung.Man entdeckt Spuren aus der NS-Zeit, die sich auf oft merkwürdige Weise mit dem Heute mischen und wundert sich über manch eine Unbefangenheit. Das Prinzip der Erhöhung und Einschüchterung der NS-Architektur wird entlarvend vom Kopf auf die Füße gestellt.

Die Fotografien von Ralf Meyer sind nicht anklagend, sie sollen jedoch sensibilisieren, das Bewusstsein schärfen. Oft ist die NS-Zeit nicht vordergründig sichtbar, doch mit dem Wissen um den Kontext wird eine andere Betrachtung provoziert. Der schäbige Tanzclub im Seebad Prora, Statisten in Häftlingskleidung während einer Probenpause im Bremer U-Boot-Bunker Valentin, Europafahnen vor der E.ON Firmenzentrale Bayern in Bayreuth, ein Rentner im Ausflugsbus auf dem Weg zum Obersalzberg - all diese Szenen erfahren eine geschichtliche Aufladung, die nie nur historisch ist, sondern immer die »Gleichzeitigkeit unterschiedlicher Zeit-Schichten« (W. Durth) deutlich macht. Im Katalog wird dies durch die Bildsequenzen und -paarungen auf Doppelseiten noch verstärkt. Es entsteht eine merkwürdige Spannung, eine Art Vakuum. Als Betrachter ist man aufgefordert, dieses Vakuum mit eigenen Überlegungen zu füllen.

Anna Gripp
Photonews
6 / 2007